4. Fastensonntag – Laetare

 

1. Lesung: 1 Sam 16,1b.6-7.10-13b – 2. Lesung: Eph 5,8-14 – Evangelium: Joh 9,1-41

Liebe Schwestern und Brüder!

Blindheit, Dunkelheit, Heilung, Sünde. Begriffe, die im heutigen Evangelium vorkommen und doch klingen sie als wären sie aktuelle Schlagworte dieser Tage. 


Wir sind wie blind in dieser Corona-Krise. Es ist als fehlt uns der Durchblick, als wäre da nur noch Dunkelheit und Chaos. Wo ist noch Licht, das uns Hoffnung macht, dass dieser Spuk bald wieder zu Ende ist? Immer mehr werden krank, die Zahlen der Infizierten schnellen nach oben und die Zahl der Geheilten ist sehr gering. Und mache verquere Stimme wird laut, die sogar diese Krankheit als Folge von Sünde und Fehlverhalten gegenüber Gott bezeichnet. Schlagworte so aktuell und treffend, als wäre dieser Text nicht über 2000 Jahre alt, sondern heute geschrieben.

Doch schauen wir zunächst einmal in das Evangelium:

Die Heilung des Blindgeborenen

Aus dem Heiligen Evangelium nach Johannes

1 Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. 2 Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde? 3 Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden. 4 Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6 Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen 7 und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Das heißt übersetzt: der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen. 8 Die Nachbarn und jene, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte? 9 Einige sagten: Er ist es. Andere sagten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es. 10 Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden? 11 Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schiloach und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte sehen. 12 Sie fragten ihn: Wo ist er? Er sagte: Ich weiß es nicht. 13 Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern.

14 Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte. 15 Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden

 sei. Er antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen und ich wusch mich und jetzt sehe ich. 16 Einige der Pharisäer sagten: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen.

17 Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann sagte: Er ist ein Prophet. 18 Die Juden aber wollten nicht glauben, dass er blind gewesen und sehend geworden war. Daher riefen sie die Eltern des von der Blindheit Geheilten 19 und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sieht? 20 Seine Eltern antworteten: Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde. 21 Wie es kommt, dass er jetzt sieht, das wissen wir nicht. Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst für sich sprechen! 22 Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten; denn die Juden hatten schon beschlossen, jeden, der ihn als den Christus bekenne, aus der Synagoge auszustoßen. 23 Deswegen sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt ihn selbst!

24 Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweiten Mal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist. 25 Er antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehe. 26 Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet? 27 Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden? 28 Da beschimpften sie ihn: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose. 29 Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt. 30 Der Mensch antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet. 31 Wir wissen, dass Gott Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er. 32 Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. 33 Wenn dieser nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiss nichts ausrichten können. 34 Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus. 35 Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn? 36 Da antwortete jener und sagte: Wer ist das, Herr, damit ich an ihn glaube? 37 Jesus sagte zu ihm: Du hast ihn bereits gesehen; er, der mit dir redet, ist es. 38 Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder. 39 Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden.

40 Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind? 41 Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.

Wer ist blind, und wer kann sehen? Beim Lesen des heutigen Evangeliums wird diese vermeintlich einfache Frage zunehmend unklar.

Irgendwie wird dieser Begriff nun umgedeutet. Für das Johannesevangelium gilt das ganz sicher. Blind sein und Sehen, das ist nicht nur eine Frage der Sehstärke, sondern der Erkenntnis Gottes und des Glaubens. Richtig sehen bedeutet also, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist, nämlich Gottes geliebte Schöpfung, auch die Kleinigkeiten. Richtig sehen bedeutet, den Menschen so zu sehen, wie er in Wahrheit ist, nämlich aufgehoben in Gottes unendlicher Liebe. 


Eine Liebe, die nicht ihr Maß an uns nimmt, sondern an Gottes Unendlichkeit. Denn die Liebe selber sehen wir in all der Endlichkeit und dem Verfall nicht. Für die Juden zur Zeit Jesu war Blindheit die Folge von Sünde. Jesus aber wendet sich entschieden gegen den Aberglauben an einen prüfenden und strafenden Gott. Diesem kurzsichtigen Glauben, der nur menschliche Projektion ist, begegnet Jesus, in dem er sich selbst als das Licht bezeichnet. Ich bin das Licht der Welt! Ich bin in die Welt gekommen, um das Leben der Menschen heller zu machen! so sagt Jesus.

In diesem Licht, also dem Glauben an Gottes unbedingte Liebe, erkennen wir erst die letzte, alles umfassende Wahrheit.

Aber die schmeckt einigen Zeitgenossen nicht. Bis heute. Denn wir müssten erkennen, selber die Blindgeborenen zu sein, also allesamt zur Welt gekommen zu sein ohne den Glauben. Den müssen wir uns aufdecken lassen, wie es Jesus mit dem Blinden tat. Und dann erkennen wir, dass Blindsein im theologischen Sinne nicht Folge einer Sünde ist. 


Sondern umgekehrt: Sünde ist Folge des Blindseins.

Wir wünschen Ihnen einen gesegneten Sonntag! Möge Gott Sie begleiten und sei Ihnen Licht in der Dunkelheit!

Passen Sie auf sich und Ihre Lieben auf!

Für das Seelsorgeteam 
Diakon Markus Fleischer